Catch and Release beim Angeln: Was ist erlaubt, was sagt die Wissenschaft und wie sehen Tierschützer und Angler die Praxis?
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Catch and Release – also das gezielte Fangen und anschließende Zurücksetzen eines Fisches – gehört zu den kontroversesten Themen in der modernen Angelfischerei. Während viele Angler darin einen wichtigen Bestandteil nachhaltiger Fischerei und Gewässerbewirtschaftung sehen, kritisieren Tierschützer das gezielte Fangen eines Tieres, das anschließend wieder freigelassen wird.
Dabei treffen zwei sehr unterschiedliche Sichtweisen aufeinander: Für Angler steht häufig der respektvolle Umgang mit dem Fisch, der Erhalt großer Laichfische und die Freude am Angeln im Vordergrund. Tierschutzorganisationen stellen dagegen die Frage, ob es einen ausreichenden Grund gibt, einem Tier überhaupt einen Haken ins Maul zu setzen, wenn es anschließend nicht verwertet werden soll.
Hinzu kommt eine wissenschaftliche Frage, die bis heute nicht vollständig geklärt ist: Empfinden Fische beim Biss und während des Drills tatsächlich Schmerzen – und wenn ja, wie genau?
Auch die rechtliche Situation in Deutschland ist komplizierter, als es die häufige Aussage „Catch and Release ist verboten“ vermuten lässt.
Was bedeutet Catch and Release?
Der englische Begriff Catch and Release bedeutet wörtlich „Fangen und Freilassen“. Gemeint ist damit das Fangen eines Fisches mit der Angel und das anschließende Zurücksetzen in sein Gewässer.
Dabei muss zwischen verschiedenen Situationen unterschieden werden.
Ein Fisch kann beispielsweise zurückgesetzt werden, weil er:
- das vorgeschriebene Mindestmaß nicht erreicht,
- während einer Schonzeit gefangen wurde,
- außerhalb eines vorgeschriebenen Entnahmefensters liegt,
- einer geschützten Art angehört,
- aufgrund einer besonderen fischereilichen Regelung zurückgesetzt werden muss oder
- aus Gründen der Gewässerbewirtschaftung erhalten werden soll.
Das ist nicht zwangsläufig dasselbe wie gezieltes Catch and Release.
Beim klassischen Catch and Release wird dagegen häufig gezielt auf große oder bestimmte Fische geangelt, obwohl von Anfang an feststeht, dass der Fisch nach dem Fang wieder freigelassen werden soll.
Genau diese Form steht besonders stark in der Kritik.
Warum setzen Angler Fische zurück?
Aus Sicht vieler Angler ist das Zurücksetzen keineswegs Ausdruck mangelnden Respekts gegenüber dem Fisch. Ganz im Gegenteil.
Ein großer Hecht, Karpfen, Zander oder Wels kann für einen Angler einen besonderen Wert besitzen – nicht unbedingt als Lebensmittel, sondern als Teil eines gesunden Fischbestandes.
Große Fische als wichtige Laichfische
Große und ältere Fische können für die Fortpflanzung eines Bestandes eine wichtige Rolle spielen. Werden sämtliche großen Exemplare entnommen, kann sich die Altersstruktur eines Fischbestandes verändern.
Für viele Angler lautet deshalb das Argument:
Warum sollte ein gesunder, großer Fisch getötet werden, wenn er wieder zurückgesetzt werden kann und weiterhin für den Fischbestand zur Verfügung steht?
Gerade beim Karpfenangeln ist dieses Denken weit verbreitet. Große Karpfen werden häufig über Jahre hinweg immer wieder gefangen und anschließend zurückgesetzt.
Angeln bedeutet für viele mehr als Fischverwertung
Für viele Menschen ist Angeln außerdem nicht ausschließlich Nahrungsbeschaffung. Es geht um Naturerlebnis, Gewässerbeobachtung, Technik, Gemeinschaft und die Beschäftigung mit Fischen.
Angler argumentieren daher, dass ein verantwortungsvoller Umgang mit dem Fisch möglich sei.
Dazu gehören beispielsweise:
- möglichst kurze Drills,
- geeignetes Gerät,
- widerhakenarme oder widerhakenlose Haken,
- nasse Abhakmatten,
- möglichst kurze Zeit außerhalb des Wassers,
- sorgfältiges Abhaken,
- das Vermeiden unnötiger Fotosessions und
- ein möglichst schonendes Zurücksetzen.
Der Deutsche Angelfischerverband (DAFV) weist ebenfalls darauf hin, dass das Zurücksetzen von Fischen nicht pauschal mit dem Begriff Catch and Release gleichgesetzt werden sollte. In einer aktuellen Veröffentlichung unterscheidet der Verband zwischen verpflichtendem bzw. begründetem Zurücksetzen und dem gezielten Angeln ausschließlich zum Zweck des Fangens, Fotografierens und Zurücksetzens. (DAFV)
Die Sicht der Tierschützer: Warum Catch and Release kritisch gesehen wird
Tierschutzorganisationen beurteilen die Angelegenheit grundsätzlich anders.
Der Deutsche Tierschutzbund lehnt Angeln als Sport- und Freizeitbeschäftigung grundsätzlich ab. Seine Argumentation: Fische seien empfindungsfähige Tiere und der Fang verursache Stress, Verletzungen und möglicherweise Schmerzen. Besonders beim gezielten Catch and Release fehle aus Sicht des Verbandes der notwendige Grund für die Belastung des Tieres. (Deutscher Tierschutzbund)
Aus dieser Perspektive ist der entscheidende Punkt nicht, ob der Fisch anschließend überlebt, sondern warum er überhaupt gefangen wurde.
Ein Tierschützer könnte deshalb argumentieren:
Wenn ein Fisch ausschließlich gefangen wird, damit der Angler den Drill erlebt und anschließend ein Foto machen kann, welchen vernünftigen Grund gibt es dann für die Verletzung und Belastung des Tieres?
Besonders kritisch sehen Tierschützer:
- lange Drills,
- wiederholtes Fangen desselben Fisches,
- langes Halten außerhalb des Wassers,
- Wiegen und Fotografieren,
- unsachgemäßes Abhaken,
- tiefe Hakenverletzungen,
- Verletzungen an Kiemen oder Augen,
- starke Erschöpfung und
- unnötige Manipulationen am Fisch.
Der Deutsche Tierschutzbund bezeichnet gezieltes Catch and Release deshalb als Tierquälerei und verweist auf mögliche Verletzungen und spätere Sterblichkeit der zurückgesetzten Fische. (Deutscher Tierschutzbund)
Die große wissenschaftliche Streitfrage: Können Fische Schmerzen empfinden?
Genau hier wird die Diskussion besonders interessant.
Denn die Aussage „Fische fühlen keinen Schmerz“ ist wissenschaftlich keineswegs so eindeutig, wie sie teilweise dargestellt wird.
Genauso wenig lässt sich allerdings wissenschaftlich sauber behaupten, man könne zweifelsfrei nachweisen, dass ein Fisch den Schmerz genauso bewusst erlebt wie ein Mensch.
Der Grund: Schmerz ist eine subjektive Erfahrung.
Wir können einen Menschen fragen, ob etwas weh tut. Einen Fisch können wir das nicht fragen.
Was für Schmerzempfinden spricht
Die Wissenschaftlerin Lynne Sneddon gehört zu den bekanntesten Forscherinnen auf diesem Gebiet.
In Untersuchungen wurden unter anderem bei Forellen Verhaltensänderungen nach schädlichen Reizen beobachtet. Fische zeigten beispielsweise Veränderungen ihrer normalen Aktivität und Reaktionen auf schädliche Reize. Sneddon argumentiert, dass Fische über Nervenstrukturen verfügen, die schädliche Reize registrieren können, sogenannte Nozizeptoren. (PubMed)
Besonders interessant ist dabei die Untersuchung von Reaktionen auf schädliche Substanzen und die Wirkung von Schmerzmitteln. Daraus leitet Sneddon ab, dass es gute wissenschaftliche Gründe gibt, Fische als schmerzempfindlich zu betrachten. (PubMed)
Auch andere Wissenschaftler vertreten die Ansicht, dass die Kombination aus Anatomie, Physiologie und Verhalten dafür spricht, dass Fische zumindest eine Form von Schmerz oder unangenehmer Empfindung erleben können.
Aber: Es gibt auch wissenschaftlichen Widerspruch
Und genau diese Seite sollte bei einer seriösen Betrachtung nicht unterschlagen werden.
Der Wissenschaftler Brian Key vertritt beispielsweise die Gegenposition. In einer wissenschaftlichen Veröffentlichung argumentiert er, dass Fische zwar schädliche Reize erkennen und darauf reagieren können, ihnen aber bestimmte neurologische Voraussetzungen für eine bewusste Schmerzerfahrung fehlen würden. (PubMed)
Auch andere Wissenschaftler, darunter James Rose, haben argumentiert, dass beobachtete Flucht- und Stressreaktionen nicht automatisch beweisen, dass ein Fisch bewusst Schmerz empfindet.
Hier liegt der entscheidende Unterschied:
Nozizeption ist nicht automatisch Schmerz
Nozizeption bezeichnet vereinfacht gesagt die Wahrnehmung potenziell schädlicher Reize durch das Nervensystem.
Ein Organismus kann also auf einen schädlichen Reiz reagieren, ohne dass damit automatisch bewiesen ist, dass er diesen Reiz subjektiv als Schmerz erlebt.
Genau diese Unterscheidung ist einer der zentralen Streitpunkte der Forschung.
Befürworter der Schmerzthese argumentieren dagegen, dass man bei Tieren keine menschliche Schmerzarchitektur voraussetzen könne. Fische müssten Schmerzen nicht zwangsläufig über exakt dieselben neurologischen Strukturen erleben wie Menschen. Diese Gegenargumente wurden unter anderem von Victoria Braithwaite und Paula Droege gegenüber der Position von Brian Key vorgebracht. (WBI Studienrepository)
Was bedeutet das für den Haken im Fischmaul?
Hier wird die Diskussion für Angler besonders relevant.
Die Frage lautet nicht nur:
„Hat ein Fisch Schmerzrezeptoren?“
Sondern:
„Was empfindet ein Fisch tatsächlich, wenn ein Haken in sein Maul eindringt und er anschließend gegen die Angelschnur kämpft?“
Darauf gibt es keine wissenschaftlich unumstrittene Antwort.
Die Forschung liefert Hinweise auf Nozizeption, Stress und Verhaltensänderungen. Gleichzeitig besteht weiterhin eine wissenschaftliche Kontroverse darüber, ob daraus zweifelsfrei auf eine bewusste Schmerzerfahrung geschlossen werden kann. (PubMed)
Genau deshalb wäre die Aussage „Fische fühlen definitiv keinen Schmerz“ wissenschaftlich genauso problematisch wie die Aussage, man könne exakt bestimmen, wie stark ein Fisch den Haken im Maul empfindet.
Für einen verantwortungsvollen Umgang mit Fischen bedeutet diese Unsicherheit allerdings nicht automatisch, dass Verletzungen bedeutungslos sind.
Im Gegenteil: Selbst wenn man die Frage nach dem subjektiven Schmerz offenlässt, sind Stress, Erschöpfung, Verletzungen und eine erhöhte Sterblichkeit nach dem Fang relevante Faktoren.
Überlebt ein zurückgesetzter Fisch den Fang?
Das hängt von zahlreichen Faktoren ab.
Nicht jeder zurückgesetzte Fisch stirbt – und nicht jeder Fisch überlebt den Fang ohne Folgen.
Eine wichtige Rolle spielen unter anderem:
- Fischart,
- Wassertemperatur,
- Drilldauer,
- verwendetes Gerät,
- Hakengröße und Hakensitz,
- Verletzungen,
- Zeit außerhalb des Wassers,
- Umgang beim Abhaken,
- Wassertiefe,
- Druckveränderungen beim Hochholen und
- allgemeiner Zustand des Fisches.
Gerade beim Tiefenangeln können Druckveränderungen problematisch werden. Bei manchen Arten kann beispielsweise die Schwimmblase betroffen sein.
Der Deutsche Tierschutzbund verweist ebenfalls auf mögliche Verletzungen und spätere Todesfälle nach dem Zurücksetzen. (Deutscher Tierschutzbund)
Daraus lässt sich aber nicht ableiten, dass jeder zurückgesetzte Fisch zwangsläufig stirbt. Die Überlebenswahrscheinlichkeit hängt stark von den jeweiligen Bedingungen ab.
Catch and Release und deutsches Recht
Jetzt wird es besonders wichtig: In Deutschland gibt es nicht einfach ein einheitliches Bundesgesetz mit dem Satz „Catch and Release ist verboten“.
Die rechtliche Bewertung ergibt sich aus dem Zusammenspiel verschiedener Vorschriften.
An erster Stelle steht das Tierschutzgesetz.
§ 1 Tierschutzgesetz
Der Grundsatz des Tierschutzgesetzes lautet, dass niemand einem Tier ohne vernünftigen Grund Schmerzen, Leiden oder Schäden zufügen darf. (Gesetze im Internet)
Das ist für die Catch-and-Release-Diskussion entscheidend.
Denn wenn ein Fisch ausschließlich aus persönlichem Vergnügen gefangen wird, anschließend fotografiert wird und wieder ins Wasser kommt, stellt sich die juristische Frage:
Gibt es für diese Belastung einen „vernünftigen Grund“?
Genau hier liegt das rechtliche Problem des gezielten Catch and Release.
§ 17 Tierschutzgesetz wird relevant, wenn einem Wirbeltier ohne vernünftigen Grund erhebliche Schmerzen oder Leiden zugefügt werden. Darauf können Geldstrafe oder Freiheitsstrafe von bis zu drei Jahren stehen. (Gesetze im Internet)
Ist jeder zurückgesetzte Fisch illegal?
Nein.
Das ist ein wichtiger Punkt.
Es gibt Situationen, in denen ein Fisch sogar zurückgesetzt werden muss.
Beispielsweise wenn ein Fisch:
- unter dem Mindestmaß liegt,
- sich in der Schonzeit befindet,
- einer geschützten Art angehört oder
- aufgrund anderer fischereirechtlicher Vorgaben nicht entnommen werden darf.
Das lässt sich sehr gut am Beispiel Nordrhein-Westfalen zeigen.
Die aktuelle Landesfischereiverordnung NRW schreibt beispielsweise vor, dass bestimmte während Schonzeiten oder vor Erreichen des Mindestmaßes lebend aus dem Wasser entnommene Fische unverzüglich und mit der gebotenen Sorgfalt zurückzusetzen sind. (Recht NRW)
Das zeigt einen wichtigen Unterschied:
Ein Fisch, der aufgrund einer gesetzlichen Schutzvorschrift zurückgesetzt werden muss, ist etwas anderes als ein Fisch, der ausschließlich zum Vergnügen gefangen und anschließend wieder freigelassen wird.
Die Rechtslage unterscheidet sich von Bundesland zu Bundesland
Zusätzlich wird die Situation dadurch kompliziert, dass das Fischereirecht in Deutschland auch durch die jeweiligen Landesregelungen geprägt wird.
Deshalb können die konkreten Vorschriften für Angler beispielsweise in Nordrhein-Westfalen, Bayern, Hessen oder Berlin unterschiedlich sein.
In Hessen gibt es beispielsweise eine ausdrückliche Regelung, nach der das Zurücksetzen eines Fisches nach dem Fang ohne vernünftigen Grund verboten ist. (tierschutz.hessen.de)
Auch in Nordrhein-Westfalen gibt es detaillierte Vorschriften zur Behandlung geschonter oder untermaßiger Fische. (Recht NRW)
Wer angeln geht, sollte deshalb immer die für das jeweilige Bundesland und Gewässer geltenden Vorschriften kennen.
Warum die Rechtslage für Angler so schwer verständlich ist
Ein häufiges Missverständnis lautet:
„Wenn ich einen Fisch zurücksetze, kann das doch nicht schlecht sein – schließlich lebt er danach weiter.“
Rechtlich wird aber nicht nur das Ergebnis betrachtet.
Entscheidend kann bereits die Belastung sein, die dem Tier während des Fangs zugefügt wurde.
Das erklärt auch, warum die Diskussion über Catch and Release in Deutschland so emotional geführt wird.
Auf der einen Seite steht der Angler, der sagt:
„Der Fisch lebt doch weiter und kann sich weiter fortpflanzen.“
Auf der anderen Seite steht der Tierschutz:
„Aber warum wurde der Fisch überhaupt verletzt, wenn er von Anfang an nicht verwertet werden sollte?“
Beide Seiten betrachten also unterschiedliche Aspekte desselben Vorgangs.
Catch and Release aus Sicht des Gewässerschutzes
Neben Tierschutz und Anglerinteressen gibt es noch eine dritte Perspektive: die Fischerei- und Gewässerbewirtschaftung.
Hier kann das Zurücksetzen bestimmter Fische durchaus sinnvoll sein.
Ein großer Bestand laichfähiger Fische kann für die Bewirtschaftung eines Gewässers von Bedeutung sein. Ebenso können Schonmaßnahmen, Mindestmaße und Entnahmefenster dazu dienen, Fischbestände langfristig zu erhalten.
Das aktuelle Fischereirecht in NRW nennt beispielsweise ausdrücklich die Hege als Bestandteil des Fischereirechts. (Recht NRW)
Damit entsteht ein interessanter Konflikt:
Was aus Sicht des individuellen Tierschutzes problematisch sein kann, kann aus Sicht der Fischbestandsbewirtschaftung sinnvoll sein.
Genau deshalb lässt sich Catch and Release nicht seriös mit einem einzigen Satz bewerten.
Ist Catch and Release nachhaltig?
Die Antwort lautet: Es kommt darauf an.
Gezieltes Zurücksetzen kann dazu beitragen, bestimmte Fischbestände zu erhalten. Gleichzeitig kann jeder Fang Stress und Verletzungen verursachen.
Entscheidend ist daher nicht nur die Frage:
„Wird der Fisch zurückgesetzt?“
Sondern auch:
„Wie wird mit ihm während und nach dem Fang umgegangen?“
Ein Fisch, der nach einem kurzen Drill sofort im Wasser abgehakt wird, ist einer völlig anderen Belastung ausgesetzt als ein Fisch, der minutenlang gedrillt, auf eine Abhakmatte gelegt, gewogen, fotografiert und anschließend mehrfach für verschiedene Kameraperspektiven hochgehalten wird.
Für Angler bedeutet das: Wenn ein Fisch aus einem zulässigen und nachvollziehbaren Grund zurückgesetzt werden muss oder darf, sollte sein Umgang so schonend wie möglich erfolgen.
Was Angler beim Zurücksetzen beachten sollten
Unabhängig von der rechtlichen Diskussion sollte das Tierwohl bei jedem Umgang mit einem Fisch eine Rolle spielen.
1. Drill möglichst kurz halten
Das Angelgerät sollte zur Fischart und Größe passen. Ein zu leichtes Gerät kann einen unnötig langen Drill verursachen.
2. Fisch möglichst im Wasser lassen
Fotos und Vermessungen sollten – sofern sie überhaupt zulässig und notwendig sind – möglichst schnell erfolgen.
3. Haken schnell und vorsichtig entfernen
Ein geeigneter Hakenlöser kann Verletzungen reduzieren. Sitzt ein Haken tief oder im Kiemenbereich, sollte nicht unnötig daran herumgerissen werden.
4. Hände nass machen
Trockene Hände können die Schleimhaut des Fisches beschädigen. Nasse Hände sind beim Handling deshalb sinnvoll.
5. Fisch nicht unnötig auf den Boden legen
Eine geeignete, nasse Abhakmatte kann bei größeren Fischen Verletzungen verhindern.
6. Fisch richtig zurücksetzen
Der Fisch sollte erst wieder freigelassen werden, wenn er sich stabilisiert hat und aus eigener Kraft schwimmen kann.
Die eigentliche Frage hinter der Catch-and-Release-Debatte
Am Ende geht es bei der Diskussion um mehr als um einen Haken im Fischmaul.
Es geht um eine grundsätzliche ethische Frage:
Darf der Mensch ein Tier zu seinem eigenen Vergnügen fangen, wenn er es anschließend wieder freilässt?
Angler beantworten diese Frage häufig mit einem differenzierten „Ja“, wenn der Fischbestand geschützt wird, der Fisch schonend behandelt wird und die gesetzlichen Vorgaben eingehalten werden.
Tierschützer beantworten sie dagegen häufig mit „Nein“, weil bereits der Fang selbst eine Belastung darstellt und persönliches Freizeitvergnügen aus ihrer Sicht keinen ausreichenden Grund dafür darstellt. Der Deutsche Tierschutzbund vertritt diese Position ausdrücklich. (Deutscher Tierschutzbund)
Und auch die Wissenschaft liefert auf die Frage nach dem Schmerzempfinden keine so einfache Antwort, wie es manche Diskussionen im Internet vermuten lassen.
Es gibt umfangreiche Forschung, die für Schmerzempfinden beziehungsweise eine schmerzähnliche Wahrnehmung bei Fischen spricht. Gleichzeitig existieren wissenschaftlich fundierte Gegenpositionen, die zwischen der Wahrnehmung schädlicher Reize und bewusst erlebtem Schmerz unterscheiden. (PubMed)
Catch and Release ist mehr als „Fisch fangen und wieder freilassen“
Catch and Release bleibt eine der größten Streitfragen innerhalb der Anglerschaft.
Für viele Angler ist das Zurücksetzen ein wichtiger Bestandteil verantwortungsvoller Fischerei und ein Beitrag zum Erhalt großer und wertvoller Fische. Für Tierschützer ist dagegen bereits der gezielte Fang eines Tieres ohne Verwertungsabsicht problematisch.
Wissenschaftlich lässt sich die Frage nach dem Schmerzempfinden von Fischen ebenfalls nicht mit einem einfachen Ja oder Nein beantworten. Es gibt deutliche Hinweise auf Nozizeption, Stress und komplexe Reaktionen auf schädliche Reize. Gleichzeitig besteht weiterhin eine wissenschaftliche Kontroverse darüber, ob diese Befunde zweifelsfrei eine bewusste Schmerzerfahrung beweisen. (PubMed)
Rechtlich ist die Situation in Deutschland ebenfalls differenziert. Gezieltes Catch and Release ohne vernünftigen Grund kann tierschutzrechtlich problematisch beziehungsweise rechtswidrig sein. Gleichzeitig gibt es zahlreiche Situationen, in denen Fische zurückgesetzt werden müssen oder ein Zurücksetzen aufgrund fischereilicher Gründe vorgesehen ist.
Wer angelt, sollte deshalb nicht nur wissen, wie man einen Fisch fängt, sondern auch, wann er zurückgesetzt werden muss, wann es zulässig ist und wie man ihn möglichst schonend behandelt.
Denn unabhängig davon, welcher Seite man in der Catch-and-Release-Debatte nähersteht, sollte ein Punkt unstrittig sein:
Ein Fisch ist kein Sportgerät. Wer angelt, trägt Verantwortung für das Tier, das am anderen Ende der Schnur hängt.